World Mental Health Day

Gedanken zum World Mental Health Day

Heute ist World Mental Health Day und zu diesem Anlass habe ich mich mal hingesetzt und ein paar Wünsche aufgeschrieben, die ich an die Gesellschaft™ (die ja bekanntlich Schuld ist, dass ich so bin) bezüglich des Umgangs mit psychischen Erkrankungen habe. Immerhin ist ja auch bald schon Weihnachten und vielleicht geht ja das eine oder andere davon in Erfüllung.

  • Only the strong stay soft. Hört auf, Depressionen & Co als eine Charakterschwäche zu sehen. Nahezu alle Menschen mit psychischen Erkrankungen, die ich kenne, sind bärenstark. Sie kämpfen jeden Tag und mobilisieren sehr viele Kräfte für ganz alltägliche Dinge. Viele Betroffene wachsen sehr durch ihre Erkrankung, weil sie gezwungen sind, sich mehr mit sich selbst und der Welt auseinanderzusetzen als psychisch gesunde Menschen.
  • Liebe Arbeitgeber, kümmert euch um das Wohlergehen eurer Mitarbeiter. Nein, ich meine nicht diese Betriebsbegehungen, bei denen eine Gestalt von der Berufsgenossenschaft die Höhe der Bürostühle und die ordnungsgemäße Verlegung von Computerkabeln prüft. Ich meine die psychische Gesundheit. Redet regelmäßig mit den Menschen, die für euch arbeiten. Kümmert euch um sie. Seid nett zu ihnen, verdammt! Ihr habt eine Fürsorgepflicht. Und die ist nicht mit den Worten „Machen Sie nach Feierabend mal ein bisschen Yoga!“ abgegolten.
  • No Pillshaming! Es ist nichts dabei, gegen Schmerzen ein Medikament zu nehmen. Antidepressiva und andere Psychopharmaka sind keine Drogen und keine „Happy Pills“. Sie machen nicht abhängig und nicht weich in der Birne. Hört auf, das zu behaupten. Es sind Medikamente, die manchen Menschen durch eine sehr, sehr schwer Zeit helfen können. Zum Beispiel mir.
  • Hört auf, Attentäter, Verbrecher und andere unangenehme Zeitgenossen pauschal als „psychisch krank“ zu bezeichnen. Das ist keine Diagnose und noch weniger eine Erklärung für schreckliche Taten oder Worte.
    Darüber hinaus: „Psychisch krank“ ist genau so ein schwammiger Begriff wie „körperlich krank“. Körperlich krank ist ein Mensch mit einem Schnupfen. Mit mittelschwerem Asthma. Mit Krebs im Endstadium. Psychisch krank ist jemand mit einer leichten Depression. Mit einer generalisierten Angststörung. Mit einer schweren Psychose. Ihr seht die Unterschiede.
  • Reißt eure verdammten „Good Vibes Only!“-Wandtattoos runter. Ja, gute Vibes sind prima – wenn man welche hat. Aber das Leben ist kein endloser Yoga-Retreat auf Bali sondern manchmal einfach ein verdammtes Arschloch. Emotionen wie Trauer, Wut, Ärger und Neid kommen bei uns allen auf und es ist okay, sie zu haben. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen. Sie runterzuschlucken und nur die „guten Vibes“ zuzulassen ist ein Bumerang, der ziemlich schnell zurückkommt. Akzeptiert diese „Bad Vibes“. Bei euch selbst und euren Lieben. Und Wandtattoos sind eh scheiße.
  • Everybody hurts. Hört alle auf, ach so hart, stark, professionell und abgeklärt zu tun. Das seid ihr nicht. Wir alle zweifeln manchmal an uns. Wir alle weinen. Wir alle vermissen jemanden. Wir alle haben diese eine Sache, die uns aus der Haut fahren lässt. Diese eine Kindheitserinnerung, die bis heute wehtut. Diesen einen Menschen, den wir nicht vergessen werden. Und mindestens einen Film, der uns zum heulen bringt (…falls nicht: Schaut „Die Reise der Pinguine“). Es ist okay, das zuzulassen. Und zuzugeben.
  • Fragt Menschen mit Depressionen nicht mehr nach dem „Warum“. Die Gründe für Depressionen sind komplex, umfangreich und so verworren, dass man sie oft auch nach jahrelanger Therapie noch nicht vollständig ergründet hat. Mit der Frage nach dem Warum unterstellt ihr Erkrankten ein Selbstverschulden. Stop it!
  • Antwortet ab sofort schonungslos ehrlich auf die Frage „Wie geht es Dir?“. Traut euch. Na los. 

Mir fällt sicherlich noch mehr ein. Aber das wünsche ich mir dann zum nächsten World Mental Health Day. Oder nächstes Jahr zum Geburtstag oder so. Ist ja auch schon wieder bald.