"Der rechte Pfad" von Astrid Sozio

Buchrezension: Der rechte Pfad von Astrid Sozio

Erwachsene Menschen, die nach einem Wendepunkt in ihrem Leben in das ländlich gelegene Dorf zurückkehren, in dem sie aufgewachsen sind – das ist der Stoff, aus dem viele Romane gemacht sind. Auch „Der rechte Pfad“ von Astrid Sozio lässt sich grob so zusammenfassen.

Benjamin verbrachte die Sommerferien in seiner Kindheit stets bei seinem Vater in dem fiktiven nordrhein-westfälischen Dorf Welsum. Dort war er mit den Geschwistern Lea, Gideon und Hanna befreundet und lebte inmitten einer Dorfgemeinschaft, die von einer Gruppe evangelikaler Christen und ihren strengen Regeln dominiert wurde. Hier wurden Bunker gebaut, die Geschlechter voneinander getrennt, die Hände über die Bettdecke gelegt und die Fenster geschlossen, um den Tod fernzuhalten.

25 Jahre später – nach der Trennung von seiner Frau – kehrt Benjamin wieder nach Welsum zurück und muss feststellen, dass sich bei vielen Dorfbewohner*innen zu religiösem Fundamentalismus und ewiger Gestrigkeit eine radikal rechte politische Einstellung gesellt hat.

Der Klappentext des Buches und auch die Leseprobe hatten mich sofort abgeholt, denn die Frage, welche Anknüpfungspunkte religiöser und spiritueller Fanatismus und die oft damit verbundenen reaktionären Weltbilder für politisch rechtes Gedankengut bieten, finde ich enorm spannend bis schockierend. Doch leider hat mich „Der rechte Pfad“ zwar abgeholt, aber nicht bis zum Ende mitgenommen.

Denn im Laufe des Buches (immerhin knapp 450 Seiten) wurden die Geschichte und ihre Charaktere für mich immer unzugänglicher und es fällt mir auch nach langem Überlegen wirklich schwer zu sagen, woran es genau gelegen hat.

Ganz konkret hat mich die grammatikalisch und orthographisch völlig verkorkste Schreibweise in den Dialogen gestört. („Dann ma gutes Geling.“, „Er wollte nur helfn“, „Ich soll die nämich nach Hause holn“.). Ich verstehe dieses Dialekt-Stilmittel wenn es einzelne Figuren betrifft. Vielleicht sollte damit auch die hinterwäldlerische Weltsicht der Dorfbewohner unterstrichen werden. Mich hat das aber etwas genervt.

Darüber hinaus gelang es mir schon bald nicht mehr, eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Ihr Handeln und ihre Beziehungen zueinander waren für mich oft nicht nachvollziehbar. Sicherlich ist das bei einer derartigen Thematik auch nicht immer möglich und vielleicht war es auch die Absicht der Autorin, die Lesenden immer wieder zum Beobachtern zu machen, die verständnislos und verwirrt den Kopf schütteln.

Doch vieles wird nur angedeutet und manche Zusammenhänge lassen sich beim Lesen nur vermuten und erahnen. Manchmal hätte ich mir mehr klare Schilderungen, Details und Hintergründe gewünscht. Dass die Romankapitel in Zeitsprüngen aufgebaut sind – einige Kapitel erzählen von der Gegenwart, andere von den Ereignissen in Benjamins Jugend – und zu Beginn eines Kapitels nicht immer klar ist, auf welcher Zeitebene erzählt wird, sorgt für zusätzliche Verwirrung.

„Der rechte Pfad“ ist ein Buch, dass ich alleine wegen seiner Vielschichtigkeit so gerne mehr gemocht hätte. Aber auch, weil die Thematik so wichtig so brandaktuell in unserer Gesellschaft ist. Weil wir uns fragen müssen, warum gerade Menschen, die so oft von Nächstenliebe, Licht und Barmherzigkeit sprechen, anfällig sind für Queerfeindlichkeit, Rassismus und reaktionäre bis faschistische Weltbilder.

Deshalb möchte ich sagen, dass „Der rechte Pfad“ von Astrid Sozio ein extrem wichtiges Buch ist – auch wenn mir persönlich die Umsetzung nicht wirklich zugesagt hat. Aber ich bin mir sicher, dass diese Geschichte anderen sehr gefallen kann.

Vielen Dank an Vorablesen und den Picus Verlag für das Rezensionsexemplar!


Disclaimer:

Die Links in diesem Beitrag führen zum Webshop meiner Lieblingsbuchhandlung Cohen & Dobernigg. Ich bekomme von niemandem Geld für diese Verlinkung. Ich verlinke sie einzig und allein, weil ich die dahinterstehenden Menschen bzw. ihre Arbeit sehr schätze und gern weiterempfehle und unterstütze.
Außerdem enthält dieser Beitrag einen Link zu VORABLESEN (einem Angebot der Ullstein Buchverlage GmbH) und dem Picus Verlag, die mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.