Alkohol

Too sober for this sh*t: Warum ich keinen Alkohol mehr trinke

Allein schon der Titel dieses Textes ist absurd. Denn Alkohol ist die einzige Droge, bei der man immer wieder erklären muss, warum man sie nicht konsumiert. Und damit man nicht so viel erklären muss, fängt man halt schon früh mit dem Alkohol an. Ich hatte meinen ersten Alkoholrausch mit 14, auf der Konfirmationsfeier einer damaligen Freundin. Wir tranken Baileys, diesen schmierig-süßen Toffee-Likör und keiner der anwesenden Erwachsenen schien ein Problem damit zu haben.

Ich bin – wie die meisten in unserer Gesellschaft – in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Alkohol immer normal und alltäglich war. In dem man sich mit einem Glas zum Feierabend belohnte. Wo es auch mal „einer über den Durst“ sein durfte, wenn gefeiert wurde. Wo eine gute Flasche Wein oder Whiskey immer ein passendes Geschenk waren.

Alkohol ist allgegenwärtig. Es gibt kaum einen Anlass, zu dem wir nicht alkoholische Getränke in die Mitte stellen. Er ist ein Teil unserer Kultur. Wir trinken ihn beim Feiern. Zu einem guten Essen. Abends vor dem Fernseher. Wenn wir fröhlich und wenn wir traurig sind. In der Pandemie- und Lockdownzeit kokettierten wir mit langeweilebedingtem Alkoholkonsum. Haha, it’s wine o`clock! Es gibt keine gesellschaftliche Schicht, die dem Alkohol nicht zugeneigt ist. Wir versuchen uns gegenseitig damit zu beeindrucken, wieviel wir vertragen und wie schnell wir trinken können. Wir begleiten unsere Sauferei mit lustigen Liedern. Wir trinken vor Kindern und lassen sie lachend am Korken der Weinflasche schnuppern. Wir trinken nach der Arbeit um uns für einen harten Tag zu belohnen. In der „Happy Hour“, nach dem Sport und nach dem Detox-Wellness-Tag. In der U-Bahn. Im Urlaub. Manchmal sogar schon zum Frühstück – da aber bitte nur Sekt, alles andere wäre ja ein bisschen doll, da sind wir uns alle einig. Prösterchen!

Und weil wir alle so verantwortungsvoll sind, grenzen wir uns ganz klar ab von krankhaftem Alkoholkonsum. Wir unterscheiden in auffälliges und unauffälliges Trinkverhalten. Und natürlich ist unser eigenes Trinkverhalten immer total unauffällig, wir sind doch keine Alkoholiker. Wir haben alles im Griff im Gegensatz zu den anderen. Wir trinken ganz bewusst und gemäßigt, nur aus Genuss, versteht sich. Alkohol ist lustig, gesellig, ein riesengroßer flüssiger Witz – bis jemand sichtbar alkoholkrank wird. Dann ist allerdings nie der Alkohol schuld, sondern immer der Mensch, der seine Sauferei halt nicht im Griff hat. Diese Grenze zu ziehen ist uns wichtig, denn sie entbindet uns von der Aufgabe und der Verantwortung, uns mit unserem eigenen Trinkverhalten auseinanderzusetzen. Hinzusehen. Fragen zu stellen. Ehrliche Antworten zu finden. Und dann die Wahrheit auszuhalten. Nie würden wir unseren guten Freund Alkohol in Frage stellen.

Haben Sie Probleme mit Alkohol?

Nein, nur ohne!

So war es auch bei mir. Nie im Leben hätte ich mir jemals selbst ein Trinkproblem diagnostiziert. Trotzdem erschien mir der Gedanke, komplett auf Alkohol zu verzichten immer bedrohlich. Deswegen möchte ich mich hier keinesfalls moralisch erheben und mit dem Zeigefinger wackeln, sondern nur einen kleinen Einblick geben, wie und warum sich mein Blick auf Alkohol komplett verändert hat.

Denn eigentlich fand ich betrunkene Menschen schon immer extrem abstoßend und auch viele alkoholische Getränke haben mir nie wirklich geschmeckt – trotzdem gehörte er dazu. Und so habe selbst schon früh in meiner Jugend angefangen, Alkohol zu trinken und seine vermeintlichen Vorzüge für mich zu entdecken: Seine Wirkung machte mich lockerer, selbstsicherer, weniger introvertiert.

Als ich vor ca. 15 Jahren aufgrund einer schweren Depression und dauerhaften Suizidgedanken zum ersten Mal Psychopharmaka verschrieben bekam, riet mir mein Psychiater eindringlich davon ab, Antidepressiva und Alkohol gleichzeitig einzunehmen. Neben zahlreichen körperlichen Risiken (Leber, Niere, Herz-/Kreislauf) kann Alkohol auch die Wirksamkeit der von Antidepressiva beeinträchtigen und unberechenbare Nebenwirkungen hervorrufen.

Dabei sollte man bei einer Depression grundsätzlich die Finger vom Alkohol lassen – unabhängig von der Medikation.
Habe ich aber nie gemacht. Ganz im Gegenteil.

Ich habe nämlich gerade wegen meiner Depressionen phasenweise oft zum Alkohol gegriffen – man spricht hier auch von Selbstmedikation. Ich habe meine negativen Gefühle und Gedanken oft weggetrunken. Alkohol ist ja auch leichter zu bekommen als eine Psychotherapie. Die rauschbedingte Ausschüttung von Glückshormonen (Serotonin), die sich bei mir oft schon nach ein-zwei Getränken einstellte, sorgte dafür, dass ich mich besser, entspannter und leichter fühlte. „Keine Termine und leicht einen sitzen“ – Harald Juhnke hatte diesen glimmerigen Zustand mit diesen Worten eindrücklich beschrieben (bevor er sich dann 2005 zu Tode soff). Leider dauerte dieser euphorische Zustand nie lange an. Konnte er auch nicht, denn alkoholbedingt hatte mein Belohnungssystem schon alles verfeuert, was in meinen ohnehin schon sparsam befüllten Serotoninspeichern drin war.

Alkohol greift extrem in den Neurotransmitter-Stoffwechsel im Gehirn ein. Bei einer Depression steht der ohnehin schon auf recht wackeligen Beinchen. Wer dann auch noch Alkohol ins Hirn gießt, grätscht den eigenen neurochemischen Prozessen mit gestrecktem Bein gegen die Kniescheibe. Autsch.

Nach kurzer Zeit des Alkoholkonsums stellte sich bei mir also ein extremer Stimmungsabfall ein: Ich war dann nicht nur sehr betrunken, sondern auch sehr traurig, melancholisch, reizbar. Trotzdem– oder gerade deswegen – trank ich in solchen Situationen weiter, denn nun war ja eh alles wurscht. (Fun Fact: Der präfontale Cortex, also die Schaltzentrale im Hirn, die für Selbstkontrolle zuständig ist, wird extrem durch Alkoholkonsum geschädigt.)

Wie sich die darauf folgenden Katertage mit komplett entleertem Serotoninspeicher anfühlten, möchte ich an dieser Stelle gar nicht beschreiben. Nur so viel: Sie waren die Hölle. Nicht nur körperlich. Ich schämte mich vor mir selber. Mir tat alles weh. Ich bezahlte mein Trinken immer, wirklich immer, mit einem verdammt hohen Preis. Mit Müdigkeit, Übelkeit, schlechtem Schlaf und einem tiefen, schwarzen Loch, in das mich die Depression wieder hineinzog. Und ich wollte mich nicht mehr so fühlen müssen.

Immer wieder versuchte ich, mein Trinkverhalten zu regulieren. Ich trank nicht mehr zu Hause. Nicht mehr alleine. Nur noch unterwegs. Mit Freunden. Nur auf Parties. Nicht mehr vor 18 Uhr. Nur noch zum Essen. Heute nur ein oder zwei Bier, dann ist Schluss. Nur noch alle zwei bis drei Wochen mal. Nichts Hochprozentiges mehr. Nur noch am Wochenende. Ständig erfand ich neue Spielregeln. Versuchte, mir eine Illusion der Kontrolle zu konstruieren. Mir selbst zu beweisen, dass ich alles im Griff habe, ganz bewusst trinke und das Trinken genieße. Dass die Beweggründe für meinen Alkoholkonsum komplett akzeptabel sind. Dass mein Trinkverhalten normal und erwachsen ist. Und am Ende ging ich doch wieder angetrunken nach Hause.

Man braucht kein Alkoholiker zu sein, um ein Problem mit Alkohol zu haben.

Und ich hatte ein enormes Problem mit Alkohol. Ich schaffte es nicht, meinen Konsum zu regulieren. Und vielleicht wollte ich das auch gar nicht. Ich wünschte mir, diesen Trinkimpulsen endlich komplett widerstehen zu können. Keinen Alkohol mehr zu benötigen. Dieser Versuchung nicht mehr zu erliegen. Denn wenn ich ehrlich zu mir war, musste ich gestehen: Ohne Alkohol fehlte mir etwas. Es war nie eine körperliche Abhängigkeit, kein Pegeltrinken. Ich hatte keine zittrigen Hände und keine Schweißausbrüche. Ich konnte problemlos Tage und Wochen ohne Alkohol verbringen. Aber es gab Situationen, die konnte ich mir ohne ein alkoholisches Getränk nicht wirklich vorstellen.

Als ich im Laufe meiner Psychotherapie endlich meine Depressionen in den Griff bekam, habe ich über einen langen Zeitraum jeden Winkel meines Denkens und Fühlens kompromisslos ausgeleuchtet. Nach und nach entdeckte ich die Ursachen für meine psychische Erkrankung und verliebte mich mehr und mehr in das Gefühl, mich meinen Emotionen und Gedanken mit einem komplett klaren Kopf zu stellen anstatt mir ständig das Denken mit Watte auszustopfen. Alkohol passte nicht mehr zu diesem neuen Leben, was ich mir aufbauen wollte. Und nach und nach wurden die Trinkimpulse immer weniger und weniger.

Mittlerweile ist der Alkohol komplett aus meinem Leben verschwunden. Es hat lange gedauert und eine intensive, kompromisslose und ehrliche Auseinandersetzung mit mir und meinem Trinkverhalten gebraucht. Meine Abstinenz hat sich nicht von einem Tag auf den anderen eingestellt. Ich habe kein feierliches Gelübde abgelegt. Vielmehr fühlt es sich an, wie ein Kontakt, der einfach eingeschlafen ist.

Alkohol und ich haben viel Zeit miteinander verbracht. Wir haben viel zusammen gelacht. Aber noch mehr geweint, und ja, auch gekotzt. Und ich habe gemerkt, dass er einfach nicht der nette, harmlose Freund ist, für den ich ihn so lange gehalten habe. Ein paar mal haben wir uns im letzten Jahr noch getroffen, ich und der Alkohol. Meist nur noch ganz kurz und wir hatten uns nicht mehr viel zu sagen. Seit 6 Monaten habe ich mich gar nicht mehr bei ihm gemeldet. Alkohol interessiert mich nicht mehr. Das Titelfoto dieses Beitrags zeigt eines der letzten alkoholhaltigen Getränke, die ich getrunken habe. Es war im März 2023, vor dem Wanda-Konzert. Ich hatte es noch nicht einmal ganz ausgetrunken.

Ich mag das Gefühl nicht mehr, das sich in meinem Kopf durch Alkohol einstellt. Dieses Rauschen, dieses Glimmern.
Ich mag seine Wirkung nicht mehr. Ich will sie nicht mehr. Ich brauche sie nicht mehr.

Ich habe mich unzählige Male rückblickend entsetzlich für meinen Alkoholkonsum geschämt. Ich habe mich für Dinge geschämt, die ich unter Alkoholeinfluss gesagt und getan habe. Ich habe mich im betrunkenen Zustand oft sehr peinlich verhalten oder mich in gefährliche Situationen gebracht. Ich habe mich für entsetzliche Katertage und für verlorene Wertsachen geschämt. Ich habe mich dafür geschämt, dass ich Termine absagen musste, weil der Schädel noch zu sehr dröhnte. Ich habe mich dafür geschämt, dass ich oft eben nicht in der Lage war, mein Trinken zu kontrollieren. Und dafür, dass ich im betrunkenen Zustand Menschen schrecklich verletzt und Grenzen überschritten habe. Für all das und viel mehr habe ich mich geschämt.

Aber ich habe mich noch nie auch nur ein einziges Mal dafür geschämt, nüchtern gewesen zu sein.

Alkoholfreie Longdrinks

Endlich ohne: Einer meiner ersten alkoholfreien Longdrinks. Stößchen!


Disclaimer:

Die Links in diesem Beitrag führen – wenn nicht anders vermerkt – zum Webshop meiner Lieblingsbuchhandlung Cohen & Dobernigg. Ich bekomme von niemandem Geld für diese Verlinkung. Ich verlinke sie einzig und allein, weil ich die dahinterstehenden Menschen und ihre Arbeit sehr schätze.